Miskito-Indianer in Nicaragua - Homepage Ulrich Epperlein

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Freiwilligendienst in Bilwi,  Nicaragua

Friederike (Rike) Lutz

Bericht vom 4. November 2005 --  Wounta und der Hurrikan

Hallöchen!

So, ich versuche mal meine neuesten Erfahrungen in einer Mail zu verfassen, hoffe dass ich nicht zu verwirrend schreibe.

Also, am Mittwoch hatte Veronica Geburtstag und hat uns gefragt ob wir nicht mit ihr tanzen gehen wollen. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und haben zugesagt. Wir wurden dann bei uns zu hause abgeholt, und zwar Christoph und ich, Simone hatte keine Lust.

Dann ging es erstmal zu Veronica nach Hause, und dort wurden wir vorgestellt und bekamen noch ein bisschen frittierten Fisch, der richtig lecker war. Nach einiger Zeit im Dunkeln gingen wir dann los (Veronica und ein Freund, keine Ahnung wie der heißt - ich kann mir die Namen einfach nicht merken - Christoph und ich) ins Malecon. Das ist eine Disco und ein Restaurant in einem. Aber sehr schön gelegen, nämlich direkt am Meer. Es gab also eine Meer-Terrasse, das war einfach genial, bei Nacht am Geländer zu stehen, die Sterne und das Meer zu sehen und das Rauschen der Wellen zu hören. Nach einer weile begaben wir uns in die Disco (ein paar Tische und Stühle und eine kleine Tanzfläche, pista genannt, wenn mehr los ist gibt es auch zwei) und haben uns auf Spanisch unterhalten, so gut es bei der lauten Musik ging. Nach einiger Zeit begaben wir uns auch auf die Tanzfläche. Blöderweise lassen sie hier in Nicaragua kein Rock oder Ska oder so zum Tanzen laufen. Meistens Reagge, Hip Hop oder so was und natürlich Merengue und so, also nicht ganz meine Musikrichtung, auf die ich tanzen kann und will. Aber egal ab auf die pista. Ja irgendwann sind wir dann auch wieder heimgefahren mit dem Taxi um uns schlafen zu legen, für mich ging es ja am nächsten Tag schon wieder um halb acht weiter, nämlich nach Wounta.

Wounta liegt südlich von Bilwi, und dort fand eine Konferenz statt, an der ich teilnehmen durfte. Das tolle daran war, dass wir mit dem Boot dorthin fuhren. Also ich am nächsten morgen nichts wie los zum Büro. Von dort aus ging es weiter zu einer "Bushaltestelle" und dann mit einem Kleinbus zum Hafen, ich war schon richtig gespannt wie es dort aussieht. Es war eine kleine Bucht von einem Fluss mit ein paar Schiffen, hauptsächlich Motorboote. Da haben wir dann erstmal gewartet und unsere Taschen sicher in Plastiktüten verstaut, damit später nichts nass wird. Und dann ging es los, alles Gepäck und alle Menschen wurden in einem Motorboot untergebracht, wir waren ca. 20-25 Leute, in einem Motorboot mit 25 PS. Und ab die Post aus dem Hafen raus auf den Fluss. Es war wunderschön, der Fluss und seitlich ganz viele, grüne, saftige Bäume und die Sonne hat geschienen. Wunderschön! Ich habe es genossen mit den anderen im Boot zu sitzen, manchmal etwas zu sagen und manchmal einfach die berauschende Natur zu betrachten (habe dabei auch einen Fischreiher gesehen). Nach einiger Zeit sind wir dann hinaus auf das offene Meer gefahren, das war einfach herrlich für mich. Schuhe und Regenjacke aus, die Hose hochgekrempelt und geschaut. Norma hat auf meinen Beinen geschlafen und Luis zwischen den Rucksäcken, ich habe abwechselnd, das Meer oder die Küste angeschaut und versucht alles in mich aufzunehmen. Das ging eine ganze Weile so, wir sind auch zwei-, dreimal an Gemeinden durchgefahren. Irgendwann bemerkte ich auch, das meine Arme und Beine leicht rot waren, ich Idiot hatte nämlich vergessen mich einzukremen, na ja das habe ich dann schnell nachgeholt, dass es nicht so schlimm wird.

Ich glaube, zwischendurch hab ich auch mal etwas gedöst. Dann wurde es dunkler und man konnte beobachten, wie die Regenwolken näher zogen und wo es schon regnete. Und dann waren wir auch schon in Wounta, nach ca. fünf Stunden Fahrt mit dem Boot. Als wir ankamen hat es richtig mit Regnen losgelegt, und dann mussten wir erst noch durch ein Fluss laufen (ich stand bis zu den Knien im Wasser). Und dann bin ich mit einem Mädchen zu deren Haus gelaufen, dort
wurde ich dann von einem anderen Jugendlichen abgeholt und zu dem Haus gebracht, wo wir unser Schlafgemach herrichteten. Und dann auf in die Kirche. An diesem Abend habe ich auch zum ersten Mal mitbekommen, das ein Hurrikan kommen soll und es nicht sicher ist, ob wir bleiben. Aber ich habe mir da nicht viel Gedanken darüber gemacht, etwas nachgefragt und ansonsten das Dorf angeschaut und an dem Gottesdienst teilgenommen. In Wounta stehen ein paar Häuser und überall Bäume oder Palmen, man kann auf das Meer schauen und die Tiere laufen auch hier frei herum (ist überall so). Aber trotzdem fand ich es schöner, als in Sisin, von der Landschaft her. Geschlafen habe ich mit Saleska und ihrer Schwester in einem größeren Bett, alle anderen auf dem Boden. Das Bett war leider nicht so groß wie letzten Mal und die Matratze in das Bett eingesenkt, sehr wenig Platz für drei Menschen. Aber es hat funktioniert, in der Nacht hat sich Saleska dann mal umgedreht, so dass ich ihre Füße im Gesicht hatte, dabei aber mehr Platz zum liegen. Am nächsten morgen hatte ich Rückenschmerzen und war etwas müde ansonsten aber topfit. Da hieß es dann auch, dass ich meine Sachen packen soll, weil wir zurück nach Bilwi gehen, wegen dem Hurrikan. Gesagt getan, aber nichts ist passiert, wir sind in die Kirche gegangen, haben zu Mittag gegessen und geredet. Es klappt übrigens immer besser mit meinem Spanisch! Die meisten Leute waren schon abgereist, aber wir waren noch da und wollten bleiben so lange es geht. Diese Einstellung hat mir sehr gefallen. Gegen Nachmittag wurden dann viel beraten, man war sich einfach nicht sicher, ob der Hurrikan nun kommen würde oder vorbeizog. Dann noch mal in die Kirche, die Stimmung war schon um einiges betrübter, und danach machten wir uns wieder auf den Heimweg nach Bilwi. Eigentlich schade, ich fand es so schön.

Als wir gingen, war es schon ein komisches Gefühl die Menschen in ihrem Dorf zurück zu lassen und nicht zu wissen was passiert. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann konnten nicht alle gehen und wollten auch nicht alle (soviel ich weiß sollte dort evakuiert werden). Aber sie lächelten einem zu und wünschten uns eine gute Reise und alle hatten ein ungemeines Gottvertrauen, was mir sehr gut gefallen hat.  Diesmal waren wir nur zu 12 in einem kleineren Motorboot, dafür aber mit 60 PS, und wieder ab auf das Meer. Über manche Wellen ist das Boot richtig gesprungen, was beim Aufsetzen schmerzhaft sein konnte, wenn man blöd saß. Ich konnte gar nicht recht begreifen, dass wir wegen dem Hurrikan gingen, weil es in Bilwi sicherer sein sollte, wie so eine halbe "Evakuation". Und mir hat es voll gefallen, weil ich das Meer und das Boot fahren liebe, war irgendwie komisch. Dann begann die Sonne unterzugehen, einfach herrlich, man konnte die Küste (wir sind ziemlich nah dran gewesen) sehen und wie das Licht immer weniger wurde und der Himmel sich langsam verfärbte. Dann war ein riesig großer Regenbogen auf dem Meer zu sehen, richtig groß und deutlich, später sogar noch einen zweiten. Also auf der einen Seite ein Regenbogen und auf der anderen Seite der Sonnenuntergang. Es war wunderschön und kaum zu glauben dass der besagte Hurrikan kommen sollte. Hab auch ein paar richtig gute Bilder gemacht. Außerdem konnte ich Pelikane beobachten die am Himmel vorüber flogen und auf Jagd gingen. Nach 2-3 Stunden kamen wir dann bei Nacht in Bilwi am Hafen wieder an und haben uns ein Taxi nach Hause genommen.

Dort haben mich Simone, Christoph und Andy (der Österreicher der auch ein Jahr hier ist) erwartet. Wir haben uns erst einmal ausgetauscht was wir über den Hurrikan wussten, das war nicht viel, weil wir ja sowieso nicht alles verstehen. Am nächsten Tag wurden wir dann angerufen und wurden gefragt ob wir genug zu essen hatten, es war immer noch nicht sicher, ob der Hurrikan Beta kommen würde. Also saßen wir im Haus lasen und warteten. Irgendwann tauchten dann unsere Nachbarn auf und fragten uns, ob sie heute Nacht mit ihren Kindern zu uns kommen könnten, weil unser Haus sicherer wäre als ihres, wenn der Hurrikan kommen würde. Kein Problem! Außerdem sagten sie uns wir sollten uns einen Rucksack richten, falls evakuiert wurde und unser Sachen verstauen, falls es Hochwasser gab. Also ran an die Buletten und alles zusammen geräumt und sicher aufbewahrt. Es war ganz komisch, und wir konnten alle nicht glauben, dass wir das miterleben sollten.  Abends kam dann die ganze Familie: Großeltern, vier Kinder (zwei vom Nachbar und zwei von seinem Bruder) und die Eltern --- eine schön große Runde.

Den Kindern haben wir was zu malen gegeben und wir haben gelesen, geschrieben oder geredet. An Schlaf war selbstverständlich nicht zu denken. Unsere Nachbarn( Marlon und Yudith) sind sehr nett und haben schön deutlich gesprochen, so dass wir sie sehr gut verstehen konnten. Der Hurrikan sollte um zwölf Uhr nachts mit 150 km/h kommen (tagsüber hat man die ganze Zeit hämmern gehört, weil die Fenster verriegelt wurden). Ein Teil der Menschen in der Stadt, die näher am Meer wohnten, wurden in Schulen untergebracht, und auch das Militär war anwesend. Es war irgendwie richtig spannend.

Es wurde später und später, wir haben ein paar Wörter Miskito gelernt und uns sehr gut unterhalten, auf Spanisch versteht sich. Die Kinder sind ins Bett gegangen und haben geschlafen, auch wir hätten gekonnt, wenn wir gewollt hätten, Marlon hat gemeint, er weckt uns, wenn es losgeht. Ich bin natürlich nicht ins Bett. Dann war zwölf und man merkte nichts von einem Hurrikan, es hieß er solle gegen 2 Uhr morgens kommen, befinde sich aber auf dem Meer direkt vor Bilwi, ca. 250 km entfernt.

Also warteten wir weiter. Wir warteten und warteten, aber nichts geschah. Gegen drei oder vier Uhr haben dann auch die letzten von uns das Bett aufgesucht. Christoph, Simone und ich haben in meinem Bett zu dritt gepennt, das war noch das einzige mit Moskitonetz (die anderen waren schon verpackt), in den Kleidern. Ich hab noch mitbekommen wie unsere lieben Nachbarn morgens um halb sechs wieder in ihr Haus zurückgegangen sind.

Das war alles, es ist nichts passiert. Dabei hatten wir uns schon vorgestellt, wie wir mit Töpfen auf dem Kopf unter dem Tisch sitzen, wenn der Hurrikan kommt. Mittags haben wir dann Radio gehört aber nichts verstanden, also sind wir zu den Nachbarn um nachzufragen, was jetzt los war. Der Hurrikan hat wieder kehrt gemacht und ist wieder Richtung Bluefields (Süden) und wir blieben verschont.

Ja das war so ganz grob mal die Geschichte vom Hurrikan, auf den wie gewartet haben. afür haben wir unsere Nachbarn kennen gelernt und einiges mehr über die Stadt. Wir haben uns über die Armut und den Drogenschmuggel unterhalten und Miskito gelernt. Gestern ist Marlon auch mit uns durch die Stadt spaziert und hat uns geholfen, uns besser orientieren zu können und uns viele Plätze gezeigt.

Also ihr müsst euch keine Sorgen machen, wir sind wohlauf!!!  Und wir erleben jeden Tag etwas.

Ganz liebe Grüße eure RIKE

Sonnuntergang

 

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