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Ethnien in der Mosquitia:
Mayngnas-Sumos
MAYANGNA = WIR -
Zur Geschichte der Sumu-Indianer in Mittelamerika
Über die Geschichte der Mayangnas gibt es relativ
wenig Informationen. Und wenn, dann nur über externe Historiker, da
die Mayangnas selbst keinerlei schriftliche Quellen besitzen. Ihre
eigene Überlieferung der Traditionen und der Geschichte geschieht im
Wesentlichen durch das mündliche Weitergeben von Mythen. Diese
enthalten einen historischen Kern, aber eben nicht nach unserer
abendländischen Geschichtsauffassung mit einer chronologischen
Orientierung. Hier sei das Kapitel zur Einleitung des Werkes von Götz
Freiherr von Hohwald über die Geschichte der Mayangnas wiedergegeben, die
ein Licht auf ihre Geschichte wirft.
ERSTER TEIL: Vom Ahnen zum Wissen
[ Anmerkungen
| Sprachenkarte Mittelamerikas zur Zeit der Conquista
]
I. Die mythische Geschichte
"Fraile: Como sabe'ys eso? Yndio: Porque assi lo tenemos por cierto entre nosotros, e assi nos lo dixeron nuestros padres.
F.: Tene'ys libros donde esso esta' por memoria como este que te muestro? (que era una Biblia). Y.: No. F.: Pu6s que no tene'ys libros c6mo os acorda'ys de lo que has dicho? Y.: Nuestros antepasados lo dixeron e de unos en otros discurriendo se platica, como he dicho; e assi nos acordamos dello."
(Oviedo: Lib. XLII, cap. II)
| 2 |
"Sie bildeten einen großen Kreis ... und stellten einen jungen Mann und einen alten hinein, und in die Mitte die Trommeln für die Musik. Zu ihrem Rhythmus sangen sie die Geschichte ihrer Rasse,
- damit sie nicht verloren ginge; die Alten sprachen sie vor und die Jungen wiederholten sie." So hatte Carlos Cuadra Pasos (1976, 1: 285) im Jahre 1910 in Chontales gehört, daß die Sumu
ihr Fest des "plenilunio de Marzo", des März-Vollmonds, begingen.
Ähnlich allen anderen indo-amerikanischen Völkern, die mit wenigen Ausnahmen selbst in ihren hoch entwickelten Kulturen keine Schrift ausgebildet hatten, waren die Sumu noch bis in die Gegenwart schriftlos. Es gibt keinerlei Aufzeichnungen über ihre Vergangenheit von ihnen selbst, doch sind sie deshalb nicht etwa als geschichtslos zu bezeichnen, denn geschichtslose Völker kann es nicht geben; dies würde nämlich bedeuten, daß sie statisch, d.h. ohne jede Entwicklung wären. Wie jedes andere Volk aber waren auch die Sumu einem ständigen Wechsel unterworfen. Die großen Ereignisse ihrer Vergangenheit wurden bei ihnen mündlich von Generation zu Generation überliefert und die Feste waren die wichtigsten Gelegenheiten, dies zu tun. Dabei mögen freilich im Laufe
| 3 | der Zeit Nebensächlichkeiten fortgelassen oder vielleicht sogar besonders ausgeschmückt worden sein, oder es verschmolzen sich wiederholende Ereignisse wie Naturkatastrophen, Wanderungen, Kriege oder die Taten großer Führergestalten miteinander zu Mythen und Sagen. Die "lineare" Geschichtsauffassung, die alles an einem fixen Zeitpunkt ausrichtet und streng chronologisch Ereignis an Ereignis reiht, mag ihnen allerdings fremd gewesen sein. Weniger die reinen Fakten mochten ihnen wichtig erscheinen, als vielmehr der diesen innewohnende tiefere Sinn. Deshalb bildeten die Berichte von der Vergangenheit ihres Volkes, die sich im Mythischen verloren, auch Bestandteile ihrer religiösen Zeremonien.
Leider haben wenige Jahrzehnte genügt, um die Jahrhunderte alte Tradition abreißen zu lassen, jene kurze Zeit nämlich des verstärkten Kontaktes mit den Fremden und besonders mit den Missionaren, denen gerade die Verbindung der Geschichtsmythen mit den religiösen Feiern ein Ärgernis sein mußte. So weiß die heutige Jugend der Sumu wenig oder nichts mehr von der Vergangenheit ihres Volkes.
Nur das Fragment einer alten Stammessage der Indianer der atlantischen Küste Nicaraguas hat sich auch bei den Sumu lange erhalten. Der Herrnhuter Missionar
G. R. Heath hat es nach den Angaben eines Sumu mit Namen Frederic, der 1904 in Alamikamba am Rio Prinzapolka lebte, aufgeschrieben und später dem Sprachforscher Walter Lehmann mitgeteilt, der es 1910 (p. 717 ff.) und erneut 1920 (p. 463) veröffentlicht hat; obwohl diese Sage wiederholt auch anderswo zitiert worden ist, sei sie hier noch einmal in der Fassung von Lehmann (1910) wiedergegeben:
"Zwischen dem Río Butúk (Patuca) und dem Rio Coco ist ein Gebirge namens Kaun'ápa, wo es Felsen mit den Zeichen menschlicher Nabelschnüre gibt. Dort wurden die Indianer in alter Zeit geboren, dort ist der Ursprung des Volkes. Es gab einen großen Vater, genannt (im Sumo) Maisa hána
1) | 4 | (im Mísquito) Uan baikan (úplika) '(Mann), der uns gespalten hat', und eine große Mutter namens Ituána. Man sagt, die letztere sei dieselbe wie die Itóki, im Mísquito yápti misri, 'Mutter Skorpion'.
Zuerst wurden die Mísquito geboren und in allerlei Dingen unterrichtet. Aber sie waren ungehorsam ihren Eltern
- was sie noch sind - und entliefen nach der Küste. Danach wurden die Tuáxca geboren, danach die Yusco, die am Rio Prinzapolca und Bambana lebten. Die Yusco aber wurden schlecht und trieben Unzucht. Daher bekriegten sie die übrigen Sumo und töteten sie bis auf einen kleinen Rest, der irgendwo im Quellgebiet des
Wanks-river (= Rio Coco) nahe den Spaniern leben soll. Als letzte wurden die Ulua (Uxlua) geboren, wie sie ja die jüngsten waren; sie wurden in allem unterrichtet, besonders in Medizin und Gesang, weshalb sie Boa "Sänger" genannt
wurden. 2)
Die Sumos lebten an den Flüssen und im Busch sehr wild, bis der Mísquitokönig von ihnen vernahm; er sandte aus nach ihnen und ließ sie fangen. Sie hatten langes Haar, das bis zu den Knien herabfiel und waren voller Läuse. Der König wusch sie mit Seife und gewann sie dadurch lieb und behielt sie bei sich."
Walter Lehmann, der dieser Stammessage große Bedeutung beimisst, meint, daß sie bis zur Aufzählung der Ulwa Boa altertümlich und nur der Zusatz über den Mísquitokönig späteren Datums sei und darauf anspiele, daß die Sumu tributpflichtige Sklaven der Mískito waren.
Bezüglich des alten Götterpaares will Lehmann hier Erinnerungen an Ometecutli und Omeciuatl der mexikanischen Mythologie erkennen, doch hat er leider keine weitere Deutung dieser Mythe gebracht, weil er sie dem 2. Teil seines Werkes vorbehalten wollte, zu dem es dann nicht mehr kam.
Vielleicht wäre er dann auch näher auf den Mythenkreis der Chibcha sprechenden Gruppen eingegangen, denn es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß die Sumu, die der Sprachgruppe der
Macro-Chibcha zugerechnet werden, in ihren Überlieferungen eher dazu, als zu den mexikanischen Gruppen in Beziehung standen.
Die erwähnte Mythe ist aber heute bei den Sumu offenbar in Vergessenheit geraten. Nur
von einer großen Höhle in den Bergen zwischen dem Río Patuka (Mutuka) und dem Río Coco
(Wanki), wohl dem Gebirge Kaun'ápa, wurde mir erzählt, in der die Abbilder der Götter oder Ahnen sich befinden sollen. Auch berichtet man von einem heiligen Berg "Sumtiringna" (Sum Terina, Sumutrina) , der sich in jener Gegend befinden soll. Sumtiringna wurde auch ein großer Führer der Sumu genannt, wovon weiter unten noch die Rede sein wird.
Walter Lehmann (1910: 715) bringt aber noch eine andere Mythe, die ebenfalls der Missionar Heath zuerst niedergeschrieben hat und die besagt, daß die Vorfahren der Sumu von der pazifischen Küste gekommen wären. Er hatte sie von einem gewissen Perrera (Pereira) in Cabo Gracias a Dios erhalten, der angeblich umfangreiche Aufzeichnungen besaß. Pereira war, wie Conzemius (1932: 19) sagt, der Sohn eines Mexikaners und der Tochter des oft genannten Schotten Haly und hatte eine Verwandte des Mískito-Königs zur Frau. Als Lehmann selbst versuchte, eine ausführliche Fassung von Pereira zu erhalten, bekam der mißtrauische Mann Angst, dadurch womöglich in politische Schwierigkeiten verwickelt zu werden und verschloß sich dem Wunsch des Forschers. Conzemius sagt, daß er "little faith in its exactitud" habe; auch sei er in seinen Zweifeln durch mehrere ältere Indianer bestätigt worden, die ebensowenig an die Echtheit dieser Überlieferung glauben wollten; er meint sogar, daß Pereira selbst bestritten habe, die von Heath niedergeschriebene Fassung weitergegeben zu haben und behaupte, nach wie vor im Besitz der echten Fassung zu sein. Alle Versuche Lehmanns, die Auf|
6 |zeichnungen durch den Sohn Pereiras zu erhalten, scheiterten, da dieser plötzlich starb.
Es ist jedoch von Wichtigkeit, darauf hinzuweisen, daß schon Fröbel 1851 von den Ulwa in Lóvago und Camoapa gehört hatte, daß ihre "abuelos" aus der Gegend von Masaya gekommen wären. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß das, was Fröbel gehört hatte, auf der nachstehenden Mythe beruht (Fröbel, 1978: 76 ff.).
Frederic Boyle (1868), der sagt, daß die Woolwa nach eigenen Angaben Einwanderer aus dem Westen oder Nordwesten wären, dürfe übrigens aus Fröbel, den er oft zitiert, geschöpft haben. Auch Squier hat diese Angaben unter ausdrücklichem Bezug auf seinen Freund Fröbel übernommen (1853: 100), spricht allerdings nur von einer "vagen Tradition", die besage, daß die Ulwa von den Ufern des "Lake Manague" kämen.
Die Mythe, die so abwegig nicht zu sein scheint, wie Conzemius meint, sondern nach dem heutigen Stand der Forschung durchaus etwas für sich hat, lautet in der Fassung von Lehmann wie folgt:
"Im 10. Jahrhundert nach Chr. lebten die Mískito in der Gegend um Rivas und hießen Kiribis. Sie hatten mit einigen Indianern, die vom Norden kamen, Kämpfe zu bestehen, und wurden nach einer Reihe von Jahren nach der Gegend des später Chontales genannten Landes (an der anderen Seite des Sees von Nicaragua)
vertrieben, wo sie 50 bis 100 Jahre wohnten unter Kämpfen mit von Norden vordringenden Stämmen. Nach einer alten Prophezeiung sollten sie jedoch von der atlantischen Küste nicht zurückgetrieben werden können. Sie kamen nach der atlantischen Küste herab unter einem Führer namens Wakna, der seinen Sohn Lakia tara zum König machte. Letzterer unterwarf die ganze Küste von Honduras bis Costa Rica. Schon bei Lebzeiten Waknas und nach seinem Tode brachen Streitigkeiten aus. Ein Aufstand Wailandins wurde zurückgeschlagen und endigte mit dem Feuertode von 300 Empörern und
| 7 | dauernder Gefangenschaft Wailandins. Um das Jahr 1100 kamen die Visvises, Kannibalen, die an der Küste hausten und Tumuli auf ihrem Wege hinterließen. Aber niemand weiß, woher sie kamen noch wohin sie gingen."
Es darf dabei nicht stören, daß diese Mythe als eine Überlieferung der Miskito erscheint. Sie ist wahrscheinlich beiden eng verwandten Gruppen gemeinsam und lediglich von den Mískito besser überliefert worden.
Sowohl Heath (1913) als auch Walter Lehmann und Conzemius (1932) haben an diese Mythe verschiedene, voneinander abweichende Kommentare über die Beziehungen und vermutlichen Vorfahren der Sumu, der Mískito sowie über die rätselhaften Wiswis (Visvises) und Kiribis geknüpft, auf die in einem späteren Kapitel eingegangen wird, das sich mit den Theorien über die Herkunft der Sumu und verwandter Gruppen beschäftigt.
Den Namen des Anführers "Wakna" bringt Lehmann (1920: 463) mit dem Namen in Zusammenhang, den die Mískito sich selbst beilegen: Waikna = Mann; aber besondere Beachtung schenkt er dem Namen von Waknas Sohn Lakia tara (Lakyatara), was Morgenstern oder Planet Venus bedeutet. Diese Angabe, sagt Lehmann, kann nicht aus der Luft gegriffen sein, "um so weniger, als ich selbst einen Mythus vom 'álmuk áura' dem 'old drift man' aufgezeichnet habe. Diese Sagen erinnern an die
Quetzalcouatl-Mythen Mexicos, wo Quetzalcouatl der Morgenstern oder Planet Venus ist und von jenseits des Meeres an der Küste des Golfes von Mexico landet". Leider bringt Lehmann die Sage vom "old drift man" selbst nicht. Auch hier wäre allerdings einzuwenden, daß Beziehungen zu Méxiko weniger wahrscheinlich sind, als solche zu südamerikanischen Überlieferungen.
Die Sage von Wailandin, dessen Namen Lehmann (1920: 463) mit den Mískito-Wörtern waila
= Feind, anta = Jäger, antin-waija | 8 | = jagen, in Zusammenhang bringt, hörte ich noch 1979 in Musawas (v.
Houwald-Rener, 1984). Beachtenswert ist, daß Karl Helbig (1956: 23) in dem Dorf Auka eine Mískitofamilie namens Wailang antraf und zwar die des Sinamingku Wailang, eines Sohnes des Dorfgründers
"Wailang-din".
Die Überlieferung von den in der letztgenannten Mythe erwähnten Wiswis hat übrigens Conzemius (1932: 116) ausführlich wiedergegeben. Selbst wenn es heißt, daß die Wiswis weder Sumu noch Mískito waren, scheint sich die Mythe auf eine den Sumu verwandte Gruppe zu beziehen:
Am linken Ufer des Río Coco, in der Nähe des jetzigen Dorfes Saulala, lebten früher Indianer,
die weder Sumu noch Mískito waren. Nachdem sie eine große Zahl von Wiswis-Vögeln erlegt hatten, wurde ihnen dieser Name beigelegt. Da sie sich weigerten, dem König Tribut zu zahlen, wurden sie von diesem grausam behandelt und oft geprügelt. Eines Tages nun hatten sie auf der Jagd viele Wildschweine (wari) erlegt und, um sie mit den Füssen zusammenzubinden und so besser tragen zu können, hatten sie einige Lianen (dar) geschnitten. Aber kaum hatten sie damit die Tiere gebunden, konnten sie sie nicht mehr sehen, obwohl sie sie fühlen und riechen konnten. Sobald sie sie wieder losbanden, wurden die Wildschweine sichtbar. Daraufhin band sich auch einer der Indianer die Liane um den Hals und sofort war er für die anderen unsichtbar. Da erkannten sie, daß die
dar-Liane die Eigenschaft besaß, alles unsichtbar zu machen, was damit gebunden war. Die Wiswis waren froh über diese Entdeckung und beschlossen, sie sogleich in die Praxis umzusetzen. Als sie hörten, daß die Sendboten des Königs kamen, um den Tribut einzutreiben, banden sie die Lianen rund um ihre Häuser und die Steuereintreiber konnten weder die Häuser noch selbst die Dörfer ausfindig machen. Trotzdem konnten die Wiswis auf die Dauer dem Zugriff des Königs nicht entgehen. Um von ihrem Unterdrücker loszukommen, wanderten sie fort. Sie durchquerten die große Savanne, die sich am linken Ufer des Río Coco bis zum Río Kahka (oberhalb Awasbila) ausdehnt. Von Awasbila aus sollen sie Bocay erreicht haben, aber niemand weiß, wie; einige sagen jedoch, daß sie nach Honduras gezogen wären. Zwei Reihen von kleinen Steinpyramiden (cairns), die in gerader Linie von Saulala zum Rio Kahka führen, werden den Wiswis zugeschrieben und man sagt, daß sie sie während ihres langen Marsches durch das Landesinnere zu beiden Seiten ihres Weges errichtet hätten. Diese Steinhaufen (cairns, tumuli) befinden sich 10 bis 16 Meilen vom Río Coco entfernt und man braucht etwa einen halben Tagesmarsch vom Dorf Auasbila (Awasbila), um dorthin zu gelangen.
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Die Sage von den Wiswis ist noch heute überall bekannt und Marx/Heath erklären in ihrem Mískito-Wörterbuch das Wort "dar" ausdrücklich mit einer Art Liane (bejuco) , die in der Sage von den Wiswis erwähnt werde.
Auch in dieser Sage haben sich vermutlich historische Ereignisse mit mythischen Zusätzen vermengt, so daß man nicht mehr weiß, was geschichtliche Wahrheit und was Mythos ist. Den Indianern freilich kam es darauf weniger an, als vielmehr auf die Darstellung ihres bewegenden Schicksals, daß sie immer wieder zwang, vor bösen Feinden sich weiter ins Innere zurückziehen zu müssen. Und gerade das scheint wirklich seit Jahrhunderten ihr Los gewesen zu sein.
Wenn wir beim Fragen, unserer Art entsprechend, immer wieder auf Klarheit der Erzählung bestehen und nicht davon lassen können, Zeit und Ort aufs Genaueste herauszubekommen, schämen die Indianer sich häufig, nur unbestimmte und anscheinend verworrene oder gar absurde Dinge von ihrer Vergangenheit zu wissen; und der Fragende erkennt oft nicht die Poesie, die in diesen Mythen steckt. Deshalb schweigen die alten Leute lieber davon und geben ihre Kenntnisse nicht einmal an die eigene Jugend weiter. Aber wenn in einer glücklichen Stunde doch einmal das Gespräch auf die Vergangenheit kommt, wenn die Scheu, sich vor dem Fremden lächerlich zu machen oder gar unchristliche Dinge zu erzählen, schwindet, so kann man von einer Überlieferung hören, die sicher auch einen wahren Kern hat, wenngleich ihr in jüngster Zeit allerlei fremde und 'wirklich törichte Zutaten angefügt wurden und sie in vielem verstümmelt ist. Sie wurde mir eines Nachts in Musawas erzählt, als ich mit einigen älteren Männern zusammensaß und sich das Gespräch von den Problemen der Gegenwart allmählich der Vergangenheit zuwandte, bis sich Zeiten und Orte in der Erinnerung der Erzählenden vermengten und wirkliches Geschehen sich im Mythischen verlor (vgl. v.
Houwald, 1982a).
Diese Sage weiß von bösen mächtigen Nachbarn der Sumu zu berichten (in der von mir aufgenommenen Version
"Chinos" | 10 | genannt), die die jungen Sumu wegfingen und auffraßen, so daß das ganze Volk beschloß, fortzuziehen. Es wird nun von langen Wanderungen und vom Überqueren eines großen Wassers berichtet, bis die Sumu endlich in ein Land kamen, das "Nicaragua" hieß. Dort zogen sie weiter, entlang eines Flusses (in der mir mitgeteilten Version "Rama" genannt), bis sie an einen Berg "Kukra" kamen, von wo aus sie das ganze Land überschauen konnten. Aber auch von hier zogen sie weiter bis ans Meer und dann entlang der Küste nach Norden. Dabei mußten sie unter großen Gefahren die schwierigen Flußmündungen und "barras" überwinden. Sie taten dies, indem sie sich alle an den Händen fassten und so eine lange Kette bildeten, in der ein Glied das andere festhielt, so daß alle glücklich ans andere Ufer gelangten.
Endlich ließen sie sich an einem Ort nieder, den sie "Bilwi" nannten. Hier aber erfuhr der "Rey Mosco" von ihnen, und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen beiden Völkern. Doch eines Tages fingen die Mískito ein junges
Sumu-Mädchen und brachten es dem König, der es zur Sklavin nahm und Gefallen an ihr fand. Nun wurden immer mehr Sumu von den Mískito zu Sklaven gemacht. Diese wehrten sich und es kam zu einer großen Schlacht, in der der Mískitokönig siegte, weil er stärker war und über mehr Leute verfügte. Die Sumu beschlossen, abermals fortzuwandern. Nun zersplitterten sie sich: die einen zogen nach Norden, die anderen nach Westen; sie siedelten sich an den Flüssen Wawa und Kukalaya und in Chontales an. Die Gruppe, die sich bei Cabo Gracias a Dios niederließ" nannte sich Panamaka, diejenige, die an den Río Wawa zog, bekam den Namen Tuaska (Tawahka) und diejenige, die sich am Kukalaya seßhaft machte, wurde Bawihka genannt. Die Gruppe, die nach Chontales gezogen war, hieß
Ulua.
Man kann in der Schilderung der Aufspaltung der verschiedenen
Sumu-Gruppen eine deutliche Ähnlichkeit mit der zu Beginn dieses Kapitels genannten Sage erkennen, der zufolge die Sumu und Miskito von einem alten Götterpaar abstammen. Der hier wie dort ganz ähnliche Zusatz vom Mískito-König beruht offenbar auf Erfahrungen der Sumu, die, bestimmt seit es einen
Miskito-König gab, vielleicht aber schon sehr viel länger, von den Mískito versklavt wurden.
An mündlichen Überlieferungen über die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Sumugruppen und Mískito fehlt es nicht. Eine von ihnen, die ich 1981 in Amaka bei Bocay aufnehmen konnte, handelt von dem tapferen Führer der Sumu namens Iyas, der am Río Bocay lebte:
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Eines Tages, während Iyas, sich mit seinen Leuten auf der Jagd in den Bergen befand, griffen bewaffnete Männer ihr Dorf an, töteten die Bewohner und schleppten die Kinder als Sklaven weg. Nur wenige entkamen. Diese sandten Botschaft an Iyas und als er das Unglück sah, befahl er, daß jeder Mann 100 Pfeile und seinen Bogen bereit machen sollte. Man arbeitete Tag und Nacht, dann nahm man die Verfolgung auf. Drei Tage und drei Nächte marschierten sie, bis sie den Feind eingeholt hatten. Aber da Iyas nur 30 Mann zur Verfügung hatte und der Feind stärker war und Gewehre besaß, fielen viele Sumu im Kampf. Auch Iyas wurde verwundet, doch kämpfte er weiter, bis er ganz von Kugeln durchbohrt war. Er konnte aber nicht sterben. Er gab Befehl zum Rückzug und ordnete an, daß die überlebenden sich weiter oberhalb von Amaka ansiedeln sollten. Als alle Befehle erteilt waren, rief er einen Kameraden, der ihm den Daumen abschneiden sollte, denn erst dann konnte er den Tod finden.
Als Iyas gestorben war, erkannten die Sumu, daß ihr Ditalyang ("der Wissende", geistige und militärisch-politische Führerpersönlichkeit) um viele magische Ding gewußt hatte und daß er sogar gegen die feindlichen Kugeln gefeit war. Sie taten draufhin so, wie er ihnen geboten hatte und zogen von Amaka weiter flußaufwärts, wo sie, weit weg von ihren Feinden, ruhig leben konnten (v.
Houwald-Rener, 1984a).
Mit dieser Geschichte ist, wenngleich sie in mythische Form gekleidet ist, historischer Boden betreten worden. Sie schildert die Überlegenheit der Miskito, die schon mit Feuerwaffen ausgerüstet sind, sowie das Los der Sumu, die sich vor den Feinden immer weiter an die Oberläufe der Flüsse zurückziehen mußten, um in Frieden leben zu können.
Es gab noch andere große Führergestalten, wie z.B. Inahwa, der ebenso sagenumwoben ist, wie Iyas. Von ihm berichtete mir 1979 in Musawas der damals angeblich über hundert Jahre alte Sumu Gottfried Raven (Rabin) folgende Geschichte:
Die Sumu, die in Nicaragua lebten, zogen oft sehr weit fort, um Fische zu fangen. Eines Tages, als sie weit von ihren Dörfern entfernt waren, trafen sie auf andere Indianer, die aus Honduras kamen. Da diese stärker waren, nahmen sie alle Leute aus Nicaragua gefangen, ließen sie für sich arbeiten und taten den Frauen Gewalt an. Eines Tages jedoch gelang es 20 Männern, der Gefangenschaft zu entkommen. Der Weg bis zum Rio Coco war weit und viele von ihnen starben, so auch der Sohn des Anführers Inahwa, für den sie, als er nicht mehr weiter konnte, ein
| 12 | kleines Lager errichtet hatten, bis er gestorben war. Schließlich gelangte der Rest der Männer in das heimatliche Dorf, wo sie sich unverzüglich daran machten, Lanzen, Pfeile und Bogen anzufertigen. Damit bewaffnet zogen sie gegen die Leute aus Honduras, um mit ihnen zu kämpfen. Sie besiegten alle Gegner bis auf die Bewohner eines Dorfes. So mußten sie zurückkehren, um noch mehr Pfeile und Lanzen herzustellen. Aber dann griffen sie auch dieses letzte Dorf an, besiegten den Feind und befreiten die Frauen. Die Schlacht soll sich bei einem Ort mit Namen Lasdacura abgespielt haben, der unterhalb von Santa Fe und Suhuih am Río Coco liegt. Da der Führer der Sumu Inahwa hieß und da er siegreich war, wird der Krieg "la guerra de Inahua" genannt (v.
Houwald-Rener, 1984a
Auch diese überlieferung hat sicher einen historischen Kern. Wahrscheinlich schildert sie Kämpfe zwischen den Tawahka vom Río Patuka (Honduras) und den Panamaka, südlich des Río
Coco.
Noch manche andere Geschichte wird von großen Führern, Ditalyang oder Sukia genannt, wie Inahua (Inagua) und Bilapau oder anderen erzählt, die sich in Kriegen hervorgetan hatten oder sonst ihrem Volke von Nutzen waren. Aber auch von Pajaratanta oder von Sumtiringna hört man noch heute sprechen, der wie ein Gott in Form eines geschnitzten Pfahles dargestellt wurde ("Sum tiringna" bedeutet übrigens eine aus einem bestimmten Holz gefertigte Schnitzerei (sum = eine Baumart; tiringni = schnitzen)
3) oder von den "Sukias" (Führer, auch Schamane, Magier, Medizinmann) Archibul (Atibul) und Adrián, die historische Gestalten waren und die Walter Lehmann (1910) noch selbst getroffen hat. Sie waren von Ehrgeiz ergriffen und brachten sich gegenseitig um.
Da es den Sumu weniger darauf ankam, festzuhalten, wann ihre großen Führer gelebt hatten, als vielmehr darauf, daß sie als erinnerungswürdige Gestalten überliefert würden, ist von den "líderes" verschiedener Ortschaften am Río Waspuk, die mir in Musawas (Fco. Rener R.) genannt wurden, nicht gewiß, wer von ihnen bereits in geschichtlicher Zeit gewirkt hat
| 13 | oder wer vorhistorischer zeit zuzurechnen ist. Vielleicht vererbten sich die Namen auch vom Vater auf den Sohn, vielleicht pflegte man nur die Erinnerung an die Wichtigsten und überließ minder Bedeutende dem Vergessen. Die "líderes" können Sippenälteste, Dorfgründer, Schamanen (Sukia bzw. Ditalyang), also sowohl politischmilitärisch als auch religiöszeremoniell wichtige Führer gewesen sein.
In Paiwas, Wailahka und Cacao gab es einen "líder" namens Wadau, in Palankitan hieß er Santa, und diesem folgte Raben (Rabin), ein Name, der noch heute in Musawas als Familienname vorkommt.
Ulmakwas hatte einen gleichnamigen Chef, vielleicht den Dorfgründer;. einer seiner Nachfolger wurde Atibul (ati = pipián, bul = pinto) , der später wohl in Anlehnung an das Englische, "Archibul" genannt wurde und bereits historisch bezeugt ist.
Weiter flußabwärts bestand bis in die 20er Jahre in Daka ein wichtiges Zentrum der Tawahka. Dort hieß der "Sukia" bzw. "Ditalyang" und vielleicht auch Begründer des Ortes Daka. Nach seinem Tode folgte Adrián und auf diesen Alparah. In Marakisah oder Markisah waren Miltan (Milton) und Matyo (Mathew) "líderes". In Sakalbahna hatte Carlos das Sagen, in Yapuwas ein Mann namens Pinol. Alle' diese Orte liegen oder lagen "rio abajo de Musawas"; die Bewohner dürften mit Bestimmtheit Tawahka gewesen sein. "Río arriba de Musawasli, vermutlich mit
Panamaka-Bevölkerung, liegt Paniawas, wo der "líder" David (Deibit)' hiess. Aus dem Ort Pansamak wird der Name Alfred überliefert, aus Wiya (Wia) Sahni der Name Tami und aus Kuskus Uru der Name Deved (Dibit) , was wohl vom englischen David herkommt.
In den Orten am Rio Kahka (Kaska) , einem Zufluß des Waspuk, waren als "líder" in den Dörfern Kibusna und Kirah Sahni Prent und Alfredo bekannt, in Wiwas war es Tami und in dem Ort Wiunak Sahni, fast schon an das Gebiet von Amaka reichend, hieß ein bekannter "Sukia" Yaspa
(Gaspar ?).
Da die Namen meist christlich bzw. von christlichen Namen
| 14 | abgeleitet sind und ihnen vielfach englische Formen zugrunde liegen, dürften sie allerdings durchweg jüngerer Zeit, aber doch wohl vor der Inkorporation der Mosquitia nach Nikaragua, entstammen.
Am tiefsten hat sich in die Erinnerung der Sumu vom Río Waspuk der "líder" und "Sukia" Dama Nelson eingeschrieben, weil er es war, der die Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde (Iglesia Morava) um 1922 in seine Gegend holte und so den Anstoß zur Christianisierung gab. Sein Wohnsitz lag in Debed (Dibid) , etwa 45 Minuten flußabwärts von dem jetzigen Ort Musawas, der bis zur Zerstörung durch
Regierungs-Truppen und Parteieinheiten am 27. September 1982 (vgl. "Barricada" vom 3.10.1982, p. 12) die größte Sumugemeinde war und deren Gründung auf ihn zurückgeht. Die Gestalt Dama Nelsons ist heute bereits sagenumwoben.
Obwohl die meisten Mythen und Sagen heute nur noch in Bruchstücken vorliegen und auf vielfältige Weise verändert sind, lassen sich doch gewisse Wirklichkeiten und Gemeinsamkeiten erkennen, nämlich die Stammesverwandtschaft der Sumu mit den Mískito, sei es, daß sie beide als Kinder desselben Götterpaares erscheinen, sei es, daß sie ' sich erst nach langen Wanderungen und Kämpfen voneinander trennten und eigene Wege gingen (Wiswis?) sowie eben diese langen Wanderungen und Kämpfe mit fremden Gruppen aber auch untereinander selbst, die zweifellos als geschichtliche Tatsachen angesehen werden können. Auch ein typischer Charakterzug der Sumu wird immer wieder deutlich gemacht: sie waren zwar tapfer, aber mehr noch liebten sie es, in Frieden zu leben. Kamen sie mit ihren Nachbarn nicht im Guten aus, so zogen sie sich lieber zurück. Carlos Cuadra Pasos (1976, 1: 286) hörte in Chontales im Jahre 1910 folgende Geschichte: Die Ulwa lebten in Chontales in ständigen Kriegen mit ihren Nachbarn. Einst hatten sie einen weisen Anführer. Als sie zum Kampf auszogen, ließ er jeden einzelnen Krieger einen Stein nehmen und einen großen Haufen ("cipile") daraus aufschichten. Als sie siegreich und fröhlich aus dem Krieg zurückkehrten, befahl
| 15 | der Anführer, daß jeder von ihnen von dem großen Haufen wieder einen Stein ergriffe und zu ihm brächte. Dies taten sie, aber eine große Zahl von Steinen blieb liegen. Da sagte der Anführer zu ihnen: "Dies sind die Toten, die jeder Krieg kostet!" Er beschloß, Chontales zu verlassen und weiter nach Osten zu ziehen, um eine Gegend zu suchen, die ruhiger wäre. Sie wanderten und wanderten, bis sie auf die große Kristallfläche, wie sie das Meer nannten, stießen und ihr gegenüber ließen sie sich nieder."

1) Lehmann schreibt
Maisa-hána, was immer wieder abgeschrieben wurde; richtig muß es Maisáhana
heißen, wie auch Conzemius (1932: 16) schreibt, wobei der Akzent auf dem
zweiten 'la" liegt, das "ha" als velarer Reibelaut wie im
Deutschen "ach" lautet und das darauf folgende "a" kaum
gesprochen wird, also Maisáhana und nicht Maisa-hána.
2) Conzemius, der
diese Mythe ebenfalls bringt (1932: 16), hält allerdings Lehmanns Deutung
"boa" gleich Sänger für falsch und meint, wohl zu Recht, daß
Lehmann cantar = singen, mit encantar = verzaubern verwechselt habe. Statt
"Medizin und Gesang" müßte es daher richtiger heißen
"Medizin und Magie".
3) Von dem heiligen Berg
"Sumtiringna" war oben die Rede

Sprachenkarte Mittelamerikas zur Zeit der Conquista
Götz Freiherr von Houwald
MAYANGNA = WIR -
Zur Geschichte der Sumu-Indianer in Mittelamerika
Beiträge zur mittelamerikanischen Völkerkunde
Herausgegeben vom Hamburgischen Museum für Völkerkunde, Band 19, Hamburg
1990
Im Kommissionsverlag Klaus Renner, Hohenschäftlarn bei München
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Weitere Veröffentlichungen des
Autoren (google.de):
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> 1975 Los alemanes en Nicaragua.
Managua: Fondo de Promoción Cultural, Banco de América,
Serie Histórica, No. 2.
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> 1975 Cerro Mokó, ein heiliger berg der sumo-indianer
?
Baessler-Archiv, Nene Folge, Band 23:365-377.
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|
> 1980 Diccionario Español-Sumu/Summu-Español.
Nicaragua: Ministerio de Educación.
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|
... und mit J. Jenkins Molieri
> 1975 Distribución y vivienda sumu en Nicaragua.
Encuentro 7:63-83. [Managua]
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... und mit Francisco Rener
(eds.)
> 1984
Muendliche
Ueberlieferungen der Sumu-Indianer
(Dreisprachige Ausgabe). Bonn 1984. 213 S. mit
Abbildungen
* Bonner Amerikanistische Studien, BAS 11.
Comenius-Antiquariat,
CH-3652 Hilterfingen/Schweiz,
CHF 20.00 | EUR 13.20)
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