Miskito-Indianer in Nicaragua - Homepage Ulrich Epperlein

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Herrnhuter Missionshilfe, Bad Boll
 

 

 

Nachrichten aus der Mosquitia

Reise in die Moskitia (13)
Tourismus = Entwicklungshilfe?

Ist Tourismus vielleicht eine Chance für die Entwicklung der Karibikküste Nicaraguas ? A la Cuba oder Dominikanische Republik...?

Immer wieder wird heute der Tourismus als die Chance für arme Länder und ihre wirtschaftliche Entwicklung vertreten. (1) ONGs (organización no gubernamental, nicht-regierungsgebundene Organisation) und sogar kirchliche Partnerschaftsgruppen sehen neuerdings im (alternativen oder sanften) Tourismus eine Möglichkeit für die Entwicklungshilfe.

Selbst in der Moskitia wird darüber nachgedacht und seit einigen Jahren auch mehrfach und ernsthaft in Erwägung gezogen. Erste Versuche sind unternommen worden. Zum Beispiel durch die Frauenorganisation AMICA (Teil von YATAMA, der Indianerpartei). Sie hat in den vergangenen Jahren etliche Kurse für Miskitas in Bilwi und in den umliegenden Landgemeinden für einen „nachhaltigen“ Tourismus angeboten. Ziel war/ist, dass die Miskitos/-as selbst das Tourismusgeschäft in die Hand nähmen und entsprechenden Nutzen daraus zögen, und nicht fremde Unternehmen. Im Blick ist die Küste um Bilwi mit ihren sehr reizvollen Stränden, malerischen Dörfern, den biologischen Reservaten, ihrer Pflanzen- und Tierwelt, sind die kulturellen Besonderheiten. Bisher wurde diese Küste von Touristikunternehmen nicht entdeckt, und selbst Rucksacktouristen verirren sich nicht dorthin. .

Grund dafür ist wohl das Fehlen fast jeglicher Infrastruktur, angefangen bei den Transportmitteln dorthin und innerhalb der Region. Zudem war es lange Jahre Konfliktgebiet und auch danach gab und gibt es immer wieder Unruhen, die die Zone wenig attraktiv erscheinen lassen.

Vielleicht ist es aber auch die Nähe zur Ausbeutung dieser Region und ihrer Ureinwohner, die ungebremst anhält: Wald, Gold, Fischreichtum etc. werden weiterhin gnadenlos ausgebeutet. Vielleicht liegt es nicht im Interesse der Verantwortlichen (vor allem der Regierenden), Tourismus zu motivieren und ihn sich in Mitten einer augenfälligen Ausbeutung der Indianer ansiedeln zu lassen -- und dies 500 Jahre nach der Eroberung Amerikas. Oder die Atlantikküste wurde tatsächlich vergessen...

Einige Universitäten Zentralamerikas bieten inzwischen die Studienrichtung „Tourismus“ an, normalerweise innerhalb der Wirtschaftsfakultäten, so seit drei Jahren auch die Universität der Herrnhuter in Bilwi, die BICU-CIUM.

 

Was spräche nun für und was gegen einen Tourismus in der Moskitia? Inwiefern könnte er den Menschen helfen, der bitteren Armut zu entkommen?

  • Devisen, Einkommensalternativen, Arbeitsplätze

  • Schutz vor der Zerstörung der Natur?

Dagegen?

  • Nutznießer sind Ausländer und andere Nicht-Einheimische

  • Verlust der eigenen kulturellen Identität

  • destruktive Begleiterscheinungen wie Prostitution

Mir sind diesbezüglich in den Tagen meiner Reise einige Beispiele begegnet. An ihnen will ich versuchen deutlich zu machen, wie sich Tourismus und Entwicklungshilfe zueinander verhalten.

 

Erstes Beispiel:
„Auf sanften Sohlen nach Machu Picchu(2):

Peru hat großes Interesse daran, die Zahl der zehntausenden Trekker und Wanderer möglichst wenig zu begrenzen. Denn jeder von ihnen zahlt 50 Dollar für die zwischen drei und fünf Tage dauernde Wanderung.

Doch jetzt will die Regierung den 88 km langen Inka-Trail jährlich für drei Monate schließen, denn die Touristen erzeugen Müll, pflücken Blumen und fällen Holz, um am Rande des Weges zu kochen. Sie ziehen fliegende Händler an, die sich wenig um die Umwelt kümmern. Auch soll ein deplaziertes Hotel verschwinden. Bisher ist weder für die Müllabfuhr noch für Toiletten gesorgt.

Machu Picchu ist die wichtigste und einträglichste Touristenattraktion Perus. Durchschnittlich 2.500 Besucher steigen täglich hinauf, zumeist kommen sie mit der Bahn.

In der Nähe der Ruinen ist eine Ansammlung von Kiosken, Geschäften, Restaurants und Hotels entstanden, die von den Touristen profitieren.

Beschädigt werden die Wälder (durch Abholzen, Waldbrände), die Treppen, Stufen und Steine der Ruinen. Künftig sollen die Touristen Schuhe mit Gummisohlen während der Besichtigungen tragen. Japanische Seismologen stellten fest, dass der Machu Picchu jährlich einen Zentimeter absinke.

Der wirtschaftliche Anreiz, die alte Kultstätte touristisch weiterhin auszubeuten, ist groß, denn der größte Teil der Einnahmen aus dem Tourismus in Peru fließt dort. Er ist die größte Einnahmequelle einer bitter armen Bevölkerung.

Und er ist gewinnträchtiger als die größten Minen Perus, der bei entsprechendem Management nie zu Ende gehen dürfte. Aber wie viele Touristen verträgt der Machu Picchu ?

 

Zweites Beispiel:

Der Fluch und Segen des Tourismus (3) wird deutlich, wenn der Tourismus unvermittelt durch eine Katastrophe blockiert wird, so geschehen mit dem Tsunami in Südostasien, vorher durch den Terroranschlag auf Bali und Lombok (12.10.2002). Seitdem kommen kaum noch Touristen auf die Inseln.  Aber diese Industrie ist die wichtigste Einnahmequelle der Menschen.

Es sollen 30 % des Tourismus inzwischen auf die Entwicklungsländer entfallen, ein Teil – welcher? – kommt den Einheimischen und auch den Ärmsten zugute.

Die kollateralen Schäden und Probleme sind nicht zu übersehen:

In den muslimischen Regionen erregen die Unsitten der Touristen Ärger (z.B. wenn die Frauen in knappen Bikinis, oder viele andere in zerschlissenen Kleidern herumlaufen). Die Anhäufung von Betonhotelbauten, die Zerstörung der Natur(-schutzgebiete), Prostitution von Frauen und Kindern.

Der Ansturm der Massen von Touristen schafft Konflikte. Der Verlust der traditionellen Werte wird befürchtet.

 

Vorschläge wie die von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) (4) sollen Besserung bringen. Verantwortungsbewussteres Reisen wird von Wieczorek-Zeul, Ministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit , gefordert:

„Das Kapital der Reiseziele sind die Umwelt und die Kultur, also zum Beispiel grossartige Landschaften oder attraktive Strände, sind die Kulturen der Länder in ihrer jeweiligen Besonderheit. Dieses Kapital darf nicht verbraucht werden.“

Ein Verhaltenskodex für nachhaltigen Tourismus wurde formuliert. Würde sich nach diesem ausgerichtet, könnte Tourismus Teil der Entwicklungshilfe sein:

  • Tourismus schaffe einen Ausgleich von Nord nach Süd.

  • Er bringe Devisen.

  • Er schaffe Einkommensalternativen und Arbeitsplätze.

Dafür müssten die Einheimischen stärker an den Gewinnen beteiligt werden.

Es müsse sich von ihnen vor allem an bestimmte ökologische und ökonomische Standards gehalten werden. Die Infrastruktur (Wasser – und Stromversorgung) müsse verbessert werden und dürfe sich nicht nur auf die Touristengebiete beschränken, die einheimischen Märkte müssten eingebunden werden. Inländisches Personal müsse angelernt werden, damit dass „Spektrum der Nutznießer breiter wird“. Durch die Erhebung von Gebühren beim Besuch von Naturparks könnten diese für einen effizienten Schutz verwendet werden und außerdem einheimischer Bevölkerung Arbeitsplätze bieten.

Die kulturelle Identität werde durch den Tourismus nicht (in erster Linie) beeinträchtigt, dies geschehe vielmehr durch die Globalisierung der Medien und werde außerdem von der Bevölkerung gewollt.

Die Entwicklung des Tourismus zu bremsen oder zu verhindern sei gefährlich.

 

Und als drittes Beispiel:

Als eine besondere Art von Reisen soll hier der Polit- und Kirchentourismus nicht unerwähnt bleiben, der angeblich von wirtschaftlichen Interessen unabhängig ist. Also die Art von Reisen, die mit einem politischen Ziel verbunden ist, von Amts wegen, unter einem ganz bestimmten Auftrag. Am bekanntesten sind die Reisen zu einer wichtigen Konferenz oder zu einem Kongress, die selbstverständlich von der jeweiligen Institution, im erwähnten Fall von der Regierung aus dem laufenden Staatshaushalt oder der Kirchenleitung aus Spenden oder Kirchensteuermitteln finanziell getragen werden. Was sind die Ziele dieser Reisenden?

Bei den Politikern sind sie recht deutlich zu erkennen: Die Vermittlung und Durchsetzung von politischen Interessen. Bei den kirchlichen Reisen ist es auf den ersten Blick anders: Traditionell besuchen sich die Gemeinden, Kirchen und Christen gegenseitig um sich geistlich und materiell zu unterstützen, was seit den ersten christlichen Gemeinden als Ökumene bezeichnet wird. Doch heute dürften auch diese Reisen weniger selbstlos und eindeutig geschwisterlich sein, sondern ebenso wie in der Politik ein Ausdruck der Macht sein. Besonders deutlich wird dies in der kirchlichen Entwicklungshilfe, wenn Reisen dazu dienen, den Geldtransfer für bestimmte Projekte und Hilfeleistungen zu vollziehen oder zu kontrollieren etc. Das Prinzip der gleichberechtigten Gegenseitigkeit bei den kirchlichen Reisen wird bereits durch das Ungleichgewicht bei den finanziellen Mittel aufgehoben.

 

Wenn ich mich hier gegen den Tourismus als Beitrag oder Lösung für die vor allem  ökonomischen Probleme in den südlichen Ländern - und speziell in der Moskitia - ausspreche, muss mir selbstverständlich einfallen, dass ich selbst als „Tourist“, als Reisender, immer wieder in die Moskita komme.

Was mich aber bei dem Vorschlag von der GTZ besonders ärgert, ist das scheinheilige Angebot der Entwicklungshilfe als Lösungsmöglichkeit, das in Wirklichkeit die wirtschaftlichen Interessen von Touristikunternehmen mit staatlichen Mitteln unterstützen will. Und auch die unzähligen Reisen von Kirchenfunktionären ärgern mich, denn sie geschehen stets auf Kosten anderer und tragen nichts oder kaum etwas zu den geschwisterlichen Beziehungen der Menschen dort und hier bei, da sie abgehoben von der tatsächlichen Situation der Menschen in den Gemeinden ein Besuchsprogramm abwickeln.

Letztlich ändern all diese Formen von Tourismus nichts an der dramatischen Situation der Menschen, mit dem - und nenne er sich auch „sanfter“ oder „nachhaltiger“ - Tourismus wird die Ausbeutung der Menschen mit anderen Mittel fortgeführt.

Klar, dass mit diesen Einwänden auch dieses Geschäft von der Moskitia nicht ferngehalten wird. Und auch ich werde weiterhin dorthin reisen ...

 

Anmerkungen:

(1) So in einem Zeitungsartikel, der im wesentlichen ein Interview mit einer GTZ-Mitarbeiterin (GTZ=Gesellschaft für technische Zusammenarbeit der Bundesrepublik, staatliche Entwicklungshilfe), Frankfurter Rundschau, 10.August 2005, S.32. 

(2) Siehe Artikel in der Frankfurter Rundschau (FR) vom 13. August 2005, S. 23 

(3) FR, 10. August 2005 

(4) FR, 10. August 2005 

© Ulrich Epperlein,
Ichenheim, 14. August 2005

   Reiseberichte aus der Moskitia (Mai und Juni 2005):  
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